kirche-ragoesenBereits 1214 wurden sowohl das Dorf als auch die Kirche Rogosene in einer Urkunde des Zerbster Nonnenklosters aufgeführt. (CDA II S.12, 1867-99).

Am 9. Juni 1214 bestätigt der Bischof Balduin von Brandenburg das von der Edelfrau Ida von Zerbst und deren Söhnen gegründete Nonnenkloster zu Zerbst-am Frauentor gelegen, zuletzt Kaserne-, und in darüber ausgestellten Urkunden wird die „eclesia Rogosene“, „die Kirche von Ragösen“ erwähnt. (Heinemann, 1875)

Ragösen war eine Filial von Kleinleitzkau; 1215 ist die Rede von „Bertoldus plebanus von Litzkowe“, Berthold, Pfarrer von Kleinleitzkau und als seine Filialkirche wird Ragösen, „Rogaesen“ erwähnt. 1241 wird Heinrikus als Pfarrer von „Rogese“ genannt. 1457 ging Ragösen aus dem Besitz der Fürsten von Anhalt an die Herren von Zerbst über. 1527 war die Kirche von Ragösen als Teil des Sedes Zerbst Filialkirche von Kleinleitzkau. 1536 gab es eine Pfarr- und eine Kirchenhufe. (Heinemann v. O., 1867-99). Nach der Reformation wurde Ragösen dem Kirchspiel Natho zugeordnet und abgelöst von der Mutterkirche Kleinleitzkau. Später gehörte die Filialkirche Ragösen mit den selbständigen Kirchengemeinden Ragösen und Krakau zum Pfarramt Natho. Krakau war eingepfarrt in die Kirche Ragösen.

Die spätromanische Feldsteinkirche geht auf die frühe Siedlungsperiode und den Landesausbau zurück. Baumeister sollen die Mönche des Prämonstratensers Orden gewesen sein. Sie sollen den Bau der Ragösener Kirche geführt haben.

Unsere Dorfkirche zeigt in der ursprünglichen Baustruktur  die vier Bauteile: Apsis, Chor, Schiff und Turm.

Die Kirche hat einen  rechteckigen Saalraum mit einem eingezogenen annähernd quadrati-schen Chor und einer gewölbten Apsis. Das Schiff ist 12,85 m lang und 8,4 m breit, der Chor 6,1 m x 6,3 mm und die Apsis 2,8 m lang und 5,1 breit. Am Westende des Schiffes sitzt ein barocker Dachreiter aus Fachwerk, dessen Westseite die Giebelwand des Schiffes bildet. Das Mauerwerk  besteht aus relativ regelmäßig bearbeiteten Feldsteinquadern, die lagig versetzt wurden. Im Jahr 1928 zerstörte ein Blitzschlag den Kirchturm. Im Zusammenhang mit seinem Neubau wurde das gesamte Äußere der Kirche unter großen freiwilligen Opfern der Gemeinde wieder hergestellt.

Das Schiff besaß ehemals zweimal drei Fenster, von denen an der Nordseite (also Richtung Dorfstraße) das westliche Fenster erhalten ist und die beiden anderen in Resten zu erkennen sind. An der Südseite (Richtung Thießen) befinden sich zwei Fenster in alter Form sowie ein weiteres leicht vergrößertes. Der Chor hat auf jeder Seite zwei Fenster, die zur Dorfseite sind vergrößert, die zur Südseite sind in der Ursprungsform. Die alte Form entspricht dem bei Feldsteinkirchen mit kleinen, zumeist rundbogigen, oft hoch gelegenen Fenstern im Kirchenschiff üblichen. Die Fenstergewände verjüngen sich „trichterförmig“. Die eigentliche Öffnung wurde stets so schmal wie möglich gehalten und gab den Kirchen ein dämmriges Licht. Durch neue Fenster mit größeren Lichtflächen ging die traditionelle romanische Raumlichtstimmung verloren. Im westlichen Fenster der Nordseite des Schiffes hat sich der ursprüngliche Holzrahmen unter einem neuen Rahmen erhalten, möglicherweise sitzt auch im westlichen Fenster der Chorsüdseite noch ein alter Rahmen. Ob diese Fenster mit Tierhäuten bzw. Pergament geschlossen wurden lässt sich nicht mehr sagen.

Der rundbogige Gemeindeeingang liegt am Westende der Nordseite des Schiffes. An der Nordseite des Chores ist eine vermauerte Priesterpforte mit Rundenbogen zu erkennen. Der Chor durfte nur vom Priester betreten werden. Nach der Reformation wurde die Priesterpforte oft zugemauert, was auch für Ragösen anzunehmen ist.

Die Ostseite der Kirche wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt stark zerstört, denn die Ap-sis wird von zwei massiven Pfeilern gestützt. Das Mauerwerk der Apsis ist nur an der Südseite in ganzer Höhe erhalten, ansonsten besteht es nur bis zur Hälfte aus regelmäßigen Feldsteinen. Darüber springt die Wand etwa 30 cm zurück und besteht aus unregelmäßigen Feldsteinen.

In der Apsis sitzt ein neues Fenster. Der Chorgiebel wurde in Fachwerk ausgeführt.

Die Westseite des Giebels hatte ursprünglich kein Fenster. Auffällig ist, dass an dieser Seite kleinere unregelmäßigere Steine als an der Ostseite der Kirche verwendet wurden und man die Lagen mit Ziegelbruch ausglich. Dieses Fenster wurde im Zuge der Sanierung im Jahr 1952/53 eingebrochen.

Die Kirche präsentiert sich vom Grundriss und der Mauerwerksausführung her als eine Kirche des Landesausbaues. Über dem Schiffseingang liegt auf der Innenseite ein großer Balken. Dieser Tannenbalken wurde auf „nach 1325“ datiert.

Der Rundbogen im östlichen Schiffsgiebel könnte dann eine Ergänzung aus der Zeit des Wiederaufbaues im 14. Jahrhundert sein. Im Zuge der Wiederherstellung der Kirche könnte auch der Taufstein angeschafft worden sein. Weitere Zerstörungen vor allem im Bereich der Apsis und des Chores könnten während des Dreißigjährigen Krieges stattgefunden haben, denn ein Chorbalken datiert auf „nach 1670“. Ein Eckstiel des Dachreiters wurde inschriftlich 1672 aufgerichtet. Es ist davon auszugehen, dass häufig Umgestaltungen des Dachgeschosses gewesen sein müssen, dies zeigt ein Schiffsdeckenbalken von 1566.

Die Kirche verfügt noch über die alte Glocke aus dem 13. Jahrhundert. Die Glocke hat einen Durchmesser von 61,2 cm und wiegt 160 kg (e² + 7). (Friske, 2007) Einziger Schmuck der Glocke ist die Majuskelinschrift „ A V E „(gegrüßt seist du Maria)  - zwischen den umlaufenden Doppellinien am Hals der Glocke. Diese inschrift erklärt sich zum guten Teil aus der Einführung des sogenannten Ave Maria Geläutes oder der Betglocke, welche durch die Päpste Gregor IX. (1230), Johann XXII. (13259 und Calixt III. (1457) angeordnet bzw. bestätigt worden ist. An das Ave-Geläut war ein Ablaß geknüpft.

Die zweite Glocke aus dem Jahr 1838 wurde von C. G. Becker gegossen und trug die Inschrift: Schiller. Das Geläut schlug c und f an. Die große Glocke, 73 cm im Durchmesser, zeigte am oberen Rande eine Blattkante, darunter ein Blumengewinde. Die Vorderseite war ausgestattet mit einem Brustbild des Herrn und mit den Worten aus dem Lied Schillers von der Glocke:

"ZUR ANDACHT ZU HERZINNIGEM VEREINE VERSAMMLE ICH DIE LIEBENDE GEMEINE"

Diese Glocke viel  der Glockenvernichtung des ersten Weltkrieges anheim und wird heute noch bedauert.

Die kleine Kirchenglocke hat noch ihre eindeutige Funktion als akustischer Botschafter des christlichen Glaubens. Das Recht des Glockenläutens war ein wichtiges Privileg. Es wurde zu allen Anlässen des Dorfes genutzt und war oft einziges Verständigungsmittel über kürzere Entfernungen. Das Geläut bestimmte und bestimmt teilweise noch heute den Tagesablauf und die Höhepunkte des Jahres. Sie ruft zum Gottesdienst, zur Hochzeitsfeier oder zur Grablegung.

Der Innenraum ist flach gedeckt, der Chor wird von einem runden Chorbogen vom Schiff abgetrennt. Der Giebel über dem Chorbogen öffnet sich im Dachraum durch einen zweiten, gestalteten Rundbogen zum Chordach hin.

Es ist anzunehmen, dass der Altarblock aus Feldsteinen gemauert ist und mit einer dicken Schlämme überzogen wurde. Darin ist die Jahreszahl 1846 eingeschrieben.

Auf dem Altar stehen zwei im Jahr 1820 im Mägdesprunger Hüttenwerk gegossene künstlerische Altarleuchter und ein Holzkreuz mit Jesus Christ und der Inschrift INRI . (I N R I sind die Initialen für den lateinischen Satz Jesus Nazzarenos Rex Judaeorum - Jesus von Nazaret, König der Juden).

1684 wurde der Kirchboden erneuert und die heutige Kanzel errichtet.

Die Kanzelstele ist ein Kleinod, sie ist wahrscheinlich der ungewöhnlichste Kanzelträger in der Zerbster Landschaft. Der aus einem Naturstamm herausgeschnitzte Kopf  hat ein pausbäckiges Gesicht und ist umrankt von Früchten und Blumen. Es kann ein Zusammenhang hergestellt werden zum Schutzpatron der Kirche, dem u.a. für Arbeiter, Äpfel, Feldfrüchte und Wetter, dem heiligen Jakobus.

Der in den Fußboden eingelassene Taufstein hat eine achteckige Kuppa.Das Taufbecken stammt wahrscheinlich aus dem 15. oder frühen 16. Jahrhundert und wird als jüngstes Stück der Region angesehen. (Friske, 2007). Nach der traditionellen Auffassung, dass die Taufe aus symbolischen Gründen (Aufnahme in die Kirche) im westlichen Eingangsbereich stattfand, traf auch für unsere Kirche zu bis zur Renovierung 1953.

Veränderungen gab es durch die Inbesitznahme des Chores durch die Gemeinde - früher nur für Priester zugänglich.

Die Aufstellung von Kirchengestühl für die Gemeinde ist eine nachreformatorische Errungenschaft, denn das Mittelalter benötigte Platz für die zahlreichen Prozessionen, die einen wesentlichen Teil der gottesdienstlichen Feiern ausmachte. Es kann davon ausgegangen werden, dass während des Spätmittelalters das Gestühl, die Bänke aufgestellt wurden.

Wer diese gestiftet hat, ist nicht bekannt. Auf der rechten und linken Seite des Kirchenschiffs stehen jeweils 6 Bänke, die miteinander verbunden sind. Je Bank können ca. fünf Menschen Platz nehmen. Eine Bankheizung wurde 1996.

Die Ragösener Orgel ist 1881 aufgestellt und ist ein altes Werk aus der 1877 abgerissenen Elsnigker Kirche. Leider konnte die Orgel seit ca. 30 Jahre nicht gespielt werden. Eine Restaurierung überschreitet derzeit die finanziellen Möglichkeiten der Kirchengemeinde.

Aus der Überlieferung von Maurer Erich Dietze (Dietze, 2013) aus Roßlau wurde im Herbst 1953 ein Umbau in der Kirche vorgenommen. Die Empore auf der Südseite wurde von Tischler Buchta  rückgebaut und die Treppe neu geschaffen.  
Der Fußboden war vor der Renovierung mit Handstreichsteinen ausgelegt. Die Steine  wurden im Zuge der Renovierung entfernt. Der sandige Boden wurde abgeklopft. Dabei wurde in der Apsis mittig hinter dem Altar ein Hohlraum festgestellt, der nicht weiter untersucht wurde. Über die Erde des Fußbodens  wurde ein Unterbeton von ca. 10 cm  eingestampft und danach Estrich von ca. 3 cm Stärke, eingefärbt mit Ziegelrot, aufgetragen.

Die Winterkirche war durch eine halb verglaste Holzwand zu einem abgeschlossenen Raum geworden.

Danach erfolgte zu DDR-Zeiten keine weitere Instandhaltung der Kirche.

Die Leichenhalle wurde 1967 von der Gemeinde auf dem Friedhof gebaut. Im Jahr 1966 wurde  eine Teilfläche von 45 qm herausgemessen und an den Rat der Gemeinde Ragösen am 12.7.1966 für den Bau einer Leichenhalle übergeben.

Nach der Wende 1989/1990 gab es Möglichkeiten Fördermittel für die Sanierung der Kirche zu erhalten.

Der Gemeindekirchenrat unter Pfr. Aßmann fasste am 7.11.1991 den Beschluss, die Sanierung der Kirche anzugehen. Folgende bauliche Maßnahmen sollten erfolgen:

- Dacheindeckung mit notwendigen Zimmermannsarbeiten,
- Maurerarbeiten im Innenraum und Fertigung einer Putzkante,
- Einbau neuer Fenster,
- Gerüstbau und Malerarbeiten,
- Herstellung elektrotechnischer Anlagen und Blitzschutzinstallation.

Fördermittel wurden beantragt und mit Bescheid der Bezirksregierung Dessau vom 2.4.1992 in Höhe von 79.000 DM bewilligt, davon 49.000 DM aus Bundesmitteln und 30.000 DM aus Landesmitteln. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat für das Projekt der Dorfkirche Ragösen  einen Förderbetrag vertraglich zugesichert.

Die Bauausführungen erfolgten im Herbst 1992 und 1. Halbjahr 1993.

Insgesamt beliefen sich die Einnahmen und Ausgaben  auf 125.667,92 DM. Die Sanierungsarbeiten wurden mit dem Einbau einer elektrischen Läuteanlage  für 7.305,95 DM im Mai 1993 abgeschlossen. Zur Finanzierung spendeten die Einwohner von Ragösen und Krakau 3.265 DM.

Die Kirche Skt. Jakobi wurde in einem Festgottesdienst im Juni 1993 nach der Sanierung von Kreisoberpfarrer Bischhof  geweiht.

Die Ehrentafel für die aus Ragösen und Krakau 25 Gefallenen und Vermissten des 2. Weltkrieges hängt an der Südseite und wurde 1994 von der Schriftenmalerei Wenzel aus Roßlau gefertigt und der Kirchengemeinde dankenswerterweise geschenkt. Das Landschaftsbild hat Anita Würzberger geb. Handrich gemalt.

Die Ehrentafel für die acht Gefallenen  des ersten Weltkrieges hängt an der Nordseite und wurde 1923 von Maler Dost gestaltet.

Im Rahmen des Förderprogramms zur Dorferneuerung wurde im Herbst 1995 der hölzerne Kirchenzaun neu gesetzt und die Wege zur Kirche und Leichenhalle gepflastert. Im Frühjahr 1996 wurde die Bankheizung installiert und die Sitzkissen angeschafft. 1998 erfolgte der Wasseranschluss an das öffentliche Netz.

In der Gemeindekirchenratssitzung am 19. April 2005 wurde unter Leitung von Pfarrerin Swantje Adam beschlossen, die  Winterkirche zu renovieren. Um die Winterkirche auch als Gemeinderaum zu nutzen wurde eine Fußbodenheizung  eingebaut. Drei neue Tische  und 15 neue Stühle  sowie eine Kommode  wurden angeschafft.

Im Jahr 2012 erfolgte die malermäßige Instandsetzung der Kirchenwände einschließlich Altar und Taufstein.

2013 hat die Kirchengemeinde  eine elektrische Orgel angeschafft. Die musikalische Begleitung des Gottesdienstes ist nun wieder möglich.

Das kirchliche Leben spielt sich zum größten Teil als "Gemeindeleben" ab, das sich im Gottesdienstbesuch, der Mitarbeit in Gemeindeleitung, Gruppen und Kreisen äußert. Höhepunkt war das Kirchenkonzert am 21. Juni 2014 anlässlich der Ersterwähnung vor 800 Jahren.

Unsere Kirche gehört seit September 2006 zu den verlässlich geöffneten Kirchen. Sie ist  täglich von morgens 8 Uhr bis abends 18 Uhr geöffnet. Besucher können sich in ein Gästebuch eintragen. In einem ausliegenden Flyer ist die Kirche beschrieben.

Seit 1.7.2007 ist die Kirchengemeinde Mitglied der Stiftung "Entschlossene Kirchen - Stiftung zur Erhaltung der Dorfkirchen im Kirchenkreis Zerbst".

Möge die Kirchengemeinde Bestand haben mit der Kirche St. Jakobi und dem Friedhof in der Dorfmitte und allen Einwohnern ein Heimatgefühl geben.

Dr. Ingrid Reiche


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